Kokolores und Knete
Gedanken zum Kunstbetrieb

Wissen Sie, warum ich niemals eine Galerie eröffnen würde? Weil ich ständig Künstler ablehnen müßte. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, so ein armes Schwein, das mit seiner Mappe vorbeikommt, die von Herzblut nur so trieft, abzulehnen. Übrigens, kennen Sie die häufigste Form der Ablehnung? Der Galerist setzt sein ´Alles schon mal dagewesen ´ - Gesicht auf und sagt: „Gefallen mir sehr gut, Ihre Arbeiten“. Aber das nur nebenbei. Ich wüßte auch sonst keinen vernünftigen Grund, Galerist zu werden. Wissen Sie einen? Wäre es nicht besser, Brötchen, Fernseher, Käse, Zahnersatz oder sonst irgendwas zu verkaufen, was Menschen wirklich brauchen? Warum ausgerechnet Kunst, Fragezeichen? Ich nenne Ihnen mal die vier häufigsten Gründe:

  1. Die Gattin eines Arztes eröffnet eine Galerie, um durch die laufenden Unkosten die Steuerlast des gut verdienenden Ehemannes zu senken. Die größte Galeriedichte in Deutschland, bezogen auf die Einwohnerzahl, finden wir auf Sylt
  2. Ein Künstler, der es nicht geschafft hat, der ständig in Galerien abgewiesen wurde, eröffnet selber eine Galerie, um endlich auf der anderen Seite zu stehen.
  3. Es gibt Menschen, die sind besessen davon, Bilder einzurahmen, und eine Galerie bietet eine tolle Gelegenheit, diese Neurose auszuleben.
  4. Eine Galerie kann auch ein Ort sein, gewisse kriminelle Energien auszuleben. Das laß ich jetzt mal so stehen. Dazu später mehr. Oder doch, ein ganz kleines Beispiel: Ein Galerist lernt im Urlaub einen italienischen Künstler kennen. Er macht ihm folgenden Vorschlag: Du gibst mir 30 Bilder in Kommission und ich organisiere in Deutschland Ausstellungen für dich. Für jede Ausstellung bekomme ich eins deiner Bilder als Aufwandsentschädigung. Si, va bene, sagt der Künstler, der jetzt international ins Geschäft kommt. Anschließend organisiert der Galerist also Ausstellungen: Stadtbücherei Kamen, Kolpinghaus Meschede, Stadtsparkasse Lünen, Pizzeria Napoli in Ottmarsbocholt usw. Im Nu sind 30 Ausstellungen gelaufen und alle Bilder gehören dem Galeristen. Und die, die er vielleicht verkauft hat, waren solche, die er als Aufwandsentschädigung schon eingesackt hatte. Der Künstler sieht keinen Pfennig Geld und keins seiner Bilder wieder. Das ist nur einer von vielen , vielen legalen Tricks....

Alle Privatgaleristen sind entweder Gangster oder nach zwei Jahren pleite. Aber wenn eine Galerie schließt, melden sich plötzlich die Käufer:“ Hören ´se mal, Sie haben da doch so einen schönen Grafikschrank? Was woll´n se dafür haben?“

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Fernsehbesuch

Gestern war das Fernsehen in meinem Atelier. Es ging um ein kurzes zweiminütiges Interview wegen der heutigen Ausstellung. Fernsehen im Atelier bedeutet zunächst eine Invasion von: Ein Journalist für die Fragen, ein Produktionsassistent mit einem Klemmbrett, einem Laptop, 3 Handys und 10 Kugelschreibern, ein Kameramann nebst Ausrüstung, eine Maskenbildnerin für alle Fälle, ein Tontechniker nebst Ausrüstung und ein Beleuchter mit entsprechenden Gerätschaften. Alle die und all das in einem Raum, der früher mal eine Garage war und in dem außer mir eigentlich keiner was zu suchen hat.

 

Der Tontechniker klemmte sich mit seinen Geräten neben den Abfalleimer unter den Zeichentisch. Auf dem Zeichentisch kniete der Beleuchter und musste die Lampen selber halten, weil für die Stative kein Platz war.

Der Produktionsassistent, dessen Funktion mir völlig schleierhaft war, drückte sich ständig wie ein aufgestörtes Schlossgespenst in irgendwelchen Restecken herum, weil er ja nie im Bild auftauchen durfte.

 

Dann gab es noch einen kleinen Hohlraum zwischen Grafikschrank, Heizkörper und Regal, in dem außer Gerümpel hunderte von langbeinigen Spinnen wohnten. Da zwängte sich die zum Glück unterernährte Maskenbildnerin hinein. Irgendwie merkten die Spinnen, dass da was nicht stimmte und sie hetzten über die Wände, unter der Decke her, flitzten über Tisch, Stühle, Staffelei, versuchten, sich hinter der Jalousie abzuseilen usw, auf der panischen Flucht nach neuen Schlupflöchern.

 

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© 2010 Günter Rückert —